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Weg zur Gelassenheit

Herbert Witzenmann

Die zum Herzenstakt belebte Höflichkeit begehrt nichts für sich. Sie begehrt allein, anderen Menschen bei der Erfüllung der sozialkünstlerischen Aufgabe beizustehen, ihrem äußeren Auftreten den Schein der in ihnen lebenden urbildlichen Idee zu verleihen.

Wer der Überzeugung ist, dass in den Dingen und Wesen selbst die Anlage zu ihrer Vollkommenheit liegt, ist mit diesen zufrieden und sieht in den Hemmungen ihrer Entfaltung notwendige Bedingungen des Fortschritts und den Ansporn zu eigener Tätigkeit.

Nur wer nicht in den Welterscheinungen selbst den verborgenen Plan ihrer Entfaltung erkennt, sondern von äußeren Maß­nahmen Wesensveränderungen erhofft, ist unzufrie­den.

Daher ist Herzenstakt Zufriedenheit. Diese Zufrie­denheit wird immer wieder durch die Betrachtung der sozialen und politischen Zustände bedroht. Und nie war der Anlass zur Bedenklichkeit angesichts dieser Zustände bedrängender als in unserer Zeit.

Was sich seit Jahrzehnten in der furchtbarsten Weise offenbart und immer furchtbarer zu offenbaren droht, kann im Sinn der hier charakterisierten Zufriedenheit nur als Wetterleuchten künftiger Geisteserscheinung, nur als die Wolken, über denen sich das Licht verbreitet, ver­standen werden.

Erst nach dem Untergang ver­gangener Erscheinungsformen des sozialen Lebens kann dieses seine zeitgemäße Gestalt erhalten.

Aus der Not wird das Schauen geboren.

Nur aber wenn Furcht und Grauen vor den Ereignissen, die aus der Zukunft herandrängen, im Vertrauen zur Erfüllung der täglichen Forderungen überwunden werden, kann sich das Auge diesem Schauen öffnen. So wird Zufrie­denheit zur Gelassenheit.

Eine Meditation solcher Gelassenheit ist: Aus reinem Vertrauen auf die immerwährende Hilfe aus der geis­tigen Welt zu leben, ist die Forderung unserer Zeit.

Aus „Die Tugenden“ von Herbert Witzenmann

English

Path to Serenity

Courtesy animated by the tact of the heart desires nothing for itself. It seeks only to assist others in fulfilling the task of social artistry: giving their outward demeanor the appearance of the archetypal idea living within them.

Whoever is convinced that the potential for perfection lies within things and beings themselves is content with them, viewing the obstacles to their unfolding as necessary conditions for progress and as a spur to personal initiative.

Only those who fail to recognize the hidden plan of unfolding within worldly phenomena themselves—hoping instead for fundamental changes through external measures—experience dissatisfaction.

Thus, the tact of the heart is contentment. Yet this contentment is constantly threatened by the contemplation of social and political conditions.

And never has there been more pressing cause for concern regarding these conditions than in our own time. What has been revealing itself in the most terrible way for decades—and threatens to reveal itself even more terribly—can, in the spirit of the contentment described here, be understood only as the lightning-flash heralding a future spiritual manifestation, or as the clouds above which the light spreads.

Only after the collapse of past forms of social life can it assume a shape appropriate to the times.

Vision is born of necessity.

Yet the eye can open to this vision only if fear and dread in the face of events pressing in from the future are overcome through trust in the fulfillment of daily demands.

Thus, contentment transforms into serenity.

A meditation on such serenity is: To live in pure trust in the ceaseless help from the spiritual world—this is the imperative of our time.

From *The Virtues* by Herbert Witzenmann