Soziale Dreigliederung fürs Herz
Katharina Offenborn
Die Dreigliederung des sozialen Organismus, wie Rudolf Steiner sie vor mehr als 100 Jahren beschrieb, ist weder ein Konzept noch ein Parteiprogramm. Die Schönheit und Machbarkeit dieser Ideen aufzeigen zu helfen, ist mir ein Herzensanliegen. Steiner sagt auch, die soziale Dreigliederung "lebe in den Tatsachen" - ist also ganz nah an uns und unserem Leben. Wir müssen diese Zusammenhänge nur noch lesen lernen, um mit ihrer Hilfe unser Miteinander organischer zu gestalten. Das ist angesichts der Krisenhaftigkeit unserer Zeit wie "Licht am Horizont" des Sozialen.
Was ich besonders bemerkenswert finde: dass diese soziale Dreigliederung auf alle gesellschaftlichen Bereiche anwendbar ist – unter einer Voraussetzung: dass es uns gelingt, die Begriffe „Dreigliederung“ und „Organismus“ in ihrer Exaktheit mitsamt den Gesetzmäßigkeiten, denen beide folgen, zu begreifen - nicht nur mit dem Verstand, sondern vor allem mit dem Herzen - denn: "Um im sozialen Gebiete mitreden zu können, dazu gehört ein volles Menschenherz", sagt Steiner. Das Geistige solle durch "ins Gemüt aufgenommene lebendige Erkenntnis" und nicht in "trockenen, abstrakten Begriffen" zu uns sprechen.
Was einen Organismus ausmacht
Ein Organismus ist ein lebendiger Zusammenhang aus ebenfalls lebendigen Organen und Funktionen, die spezifischen Gesetzmäßigkeiten folgen. Sie gilt es zu respektieren, will man das Leben nicht in Gefahr bringen. Das ist nicht anders als beim menschlichen Organismus.
So ist der gesamte menschlichen Körper von Nerven, Blutbahnen und Muskeln durchzogen, in denen allesamt Stoffwechselprozesse stattfinden. Die Gliederung in Funktionen ist natürlicher Art, dem Leben abgelauscht. Und alle drei folgen Gesetzmäßigkeiten, die unmittelbar an ihre Funktionen geknüpft sind, um den Menschlichen Organismus gesund zu erhalten.
Das Gleiche gilt für die menschliche Gesellschaft als Organismus aufgefasst: Ideen müssen in Form von Vereinbarungen für alle fruchtbar gemacht werden. Keiner dieser Bereiche ist Selbstzweck, keiner kann für sich alleine stehen. Und jeder muss der funktional „richtigen“ Gesetzmäßigkeit folgen, will man gesunde gesellschaftliche Verhältnisse herstellen.
Auf den Menschen bezogen geht es um die drei Funktionsbereiche:
- Nervensinnessystem (NSS) – der „obere Bereich“ des Menschen
- Rhythmisches System, zu dem die Atmung und Herz-Kreislauf-System gehören (RS) – der „mittlere Bereich“ des Menschen
- Stoffwechsel-Gliedmaßen-System (STGLS) – der „untere Bereich“ des Menschen
Auf die Gesellschaft bezogen geht es um die drei Funktionsbereiche:
- Geistesleben – die Ideensphäre (Imagination)
- Rechtsleben – die Begegnungs- und Verhandlungssphäre (Inspiration)
- Wirtschaftsleben – die Handlungssphäre (Intuition)
Bei beiden geht es nicht um eine Dreiteilung in drei gesonderte Bereiche, sondern um eine Dreigliederung in drei unterschiedliche, jedoch ineinandergreifende Funktionsbereiche.
Was Dreigliederung des sozialen Organismus bedeutet
Der soziale Organismus unserer Gesellschaft und die genannten Bereiche folgen den Gesetzmäßigkeiten von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die in der Französischen Revolution Berühmtheit erlangten. Allerdings war die Menschheit damals noch nicht reif für die Umsetzung dieser Ideale. Sie konnten den Idealisten entrissen und, in ihr Gegenteil verwandelt, gegen sie eingesetzt werden. Auch heute wirken diese machtvollen Ideale auf den falschen Bereich angewandt zerstörerisch statt ordnend.
Das Geistesleben, das alle Denkleistungen und kreativen Imaginationen der Menschen umfasst, basiert auf unseren Geisteskräften, unserem DENKEN im weitesten Sinne. Es muss dem Prinzip der Freiheit gehorchen - das nur über die Selbstverwaltung gegeben ist. Auf die Inhalte bezogen dürfen wir uns die Freiheit nehmen, folgerichtig zu denken und klar zu imaginieren.
Das Rechtsleben, das alle Absprachen und Vereinbarungen unter Menschen umfasst, bedient sich unseres FÜHLENS und unserer Inspirationsfähigkeit. Es muss sich am Prinzip der Gleichheit ausrichten. Hier müssen wir miteinander auf Augenhöhe für alle gültige Richtlinien und Vereinbarungen verhandeln, bis es sich für alle richtig und stimmig anfühlt.
Die Wirtschaft, die alle Arbeitsleistungen in allen Bereichen umfasst, bedient sich unseres WOLLENS (= intentionales Handeln) und unserer Intuitionsfähigkeit. Es muss dem Prinzip der Brüderlichkeit/Geschwisterlichkeit folgen. Hier dürfen wir in dem Bewusstsein handeln, dass wir immer für andere arbeiten. Unsere Intention ist nicht die eigene Versorgung, sondern die unserer Mitmenschen. Nur so wirken wir den egoistischen Tendenzen unserer Zeit entgegen, indem wir uns bemühen, zu geschwisterlich Schenkenden und Empfangenden zu werden.
Um es in einem Satz auszudrücken: Was in Freiheit gedacht, erforscht, erfunden, gelehrt und beurteilt wird, muss unter Mitsprache aller in Vereinbarungen münden, die die Interessen aller gleichermaßen berücksichtigen, damit alle (unbezahlbare!) Arbeit, alle Handlungen, dem Wohle anderer dienen können.
Licht am Horizont
Unsere Gesellschaft ist noch weit von gesunden Ordnungsprinzipien, die sich am Leben selbst orientieren, entfernt. Die Folgen sind unübersehbar, doch nicht unumkehrbar.
Das Schöne ist: Jede/r von uns, der/die mithilft, diese Begriffe für sich selbst zu klären, die/der sich zudem bemüht, sie zurechtzudenken, sie als wahr zu empfinden und unerschrocken anzuwenden, trägt zur Gesundung der Gesellschaft bei.
Darauf werde ich in weiteren Beiträgen noch genauer eingehen.