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Über Mut und das Risiko, lebendig zu sein

12. September 2026

Vor ein paar Tagen stieß ich auf ein Hörbuch von Osho über den Mut zu leben, wirklich zu leben. Er stellt einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Lebendigkeit und Risiko her. Dass uns etwas - ein Ding, ein Mensch, eine Freundschaft, ja das Leben selbst - besonders wertvoll erscheint, wenn wir Gefahr laufen, es zu verlieren.

Dazu gehört auch, dass wir uns nie so lebendig fühlen, als wenn wir an die Grenze des Todes geraten. Darauf basiert die Faszination für Extremsportarten: Wir spüren unser Leben am intensivsten, wenn wir es riskieren. Direkte Folge davon ist paradoxerweise, dass wir es dadurch besser hüten, wertschätzen und pflegen lernen. Unserer Zerbrechlichkeit und Endlichkeit bewusst, werden wir zu Liebenden des Lebens.

Von Anfang an bestimmt unsere angeborene Todesangst das Spiel. Sie macht uns zu Gefangenen von Sicherheit und Gewohnheit, bis wir bereit sind, ihr, der Angst, und dem Tod direkt ins Angesicht zu schauen. Indem wir das tun, fordern wir alles heraus, was uns bisher ausmachte: unser Gewordensein, unseren Lebensstil, unsere Begrenztheit im Denken, Fühlen und Handeln - einfach ALLES, was wir meinen zu sein.

Diese Konfrontation wirft uns möglicherweise aus der Bahn, lässt uns entgleisen, aussteigen, ausflippen, die Kontrolle verlieren. Das ist das Risiko, der Preis für mehr Lebendigkeit. Insofern ist sie schon ein kleiner Tod. Doch diesen Tod zu sterben oder nicht, liegt in unserer Hand, wenigstens solange, bis das Schicksal übernimmt.

Denn auch Krankheiten, Unfälle, selbst plötzliche Trennungen, haben das Zeug dazu, dass wir Tod und Ende nicht mehr ignorieren können. Sie machen wach - und das ist ein großes Geschenk, oft das Letzte, bevor man den Tod als Freund erkennt und gerne mit ihm geht.

Die begehrteste und zugleich erbarmungsloseste Aufweckerin ist die Liebe. Ihr wahrhaft zu begegnen setzt alles aufs Spiel. Das unter ihren Flügeln verborgene Schwert, wie Khalil Gibran es ausdrückt, lässt sich auch abwehren, beiseite schlagen. Das liegt in der Freiheit eines jeden Menschen. Wahre Liebe überwältigt nicht, aber sie lädt dazu ein, mit jedem Blick, mit jedem Seufzen, mit jeder Berührung, so weich zu werden wie Wasser, so lodernd wie Feuer, so wirkmächtig wie Wind - jedoch mit beiden Füßen auf dem Boden, Aug in Auge mit Tod, Verlust und Ende.

Die Liebe lehrt Hingabe, an den Tod und das Leben gleichermaßen, denn sie weiß, dass beide sie nicht aufhalten können. Sie weiß um ihre Kraft, die jenseits von Zeit und Raum Leben hervorruft, auch in und durch uns.

Das einzige, was die Liebe von uns verlangt, ist: alles Harte einer nie gekannten Lebendigkeit weichen zu lassen. Dabei hilft nur Mut: der Mut zur Verwandlung in das, wofür wir vor Urzeiten angetreten sind.

English

On Courage and the Risk of Being Alive

A few days ago, I came across an audiobook by Osho about the courage to live—to truly live. He draws a direct connection between aliveness and risk: the idea that something—an object, a person, a friendship, indeed life itself—appears especially precious to us when we run the risk of losing it. Part of this is the fact that we never feel quite as alive as when we brush up against the boundary of death.

This is the basis for the fascination with extreme sports: we sense our life most intensely when we put it at risk. Paradoxically, a direct consequence of this is that we learn to better guard, cherish, and nurture it. Aware of our fragility and finitude, we become lovers of life.

From the very beginning, our innate fear of death shapes the game. It turns us into prisoners of safety and habit—until we are ready to look fear and death directly in the face. By doing so, we challenge everything that has defined us up to that point: who we have become, our lifestyle, the limitations of our thinking, feeling, and acting—simply *everything* we believe ourselves to be.

This confrontation may throw us off course, cause us to derail, drop out, lose our minds, or lose control. That is the risk, the price paid for greater aliveness. In that sense, it is a kind of small death. Yet whether or not we undergo this death lies in our own hands—at least until fate takes over.
For illnesses, accidents, and even sudden separations have the power to force us to stop ignoring death and the end. They wake us up—and that is a great gift; often the final one before we recognize death as a friend and willingly follow it.

The most coveted yet most merciless awakener is love. To truly encounter it means staking everything. The sword hidden beneath their wings—as Khalil Gibran puts it—can also be fended off or struck aside. That lies within the freedom of every human being. True love does not overpower; rather, with every glance, every sigh, and every touch, it invites us to become as soft as water, as blazing as fire, and as potent as the wind—yet with both feet planted firmly on the ground, eye to eye with death, loss, and endings.

Love teaches surrender—to death and life alike. For she knows that neither of them can stop her, being aware of her own power, provoking life beyond time and space—even within and through us.

The only thing love asks of us, is to allow all hardness to give way to an aliveness unlike anything we have ever known before. Courage alone helps here: the courage to transform into that which we set out to become at the very beginning.