Mein Lebenslauf und andere Ungereimtheiten
3. Oktober 2026

Ich bin selbstverständlich weiblich. Nebensächlichkeiten wie meinen Namen behalte ich lieber für mich.
Ich lief durchs Leben, seit ich denken konnte. Auch an jenem Tag. Meine Lungen, meine Muskeln, mein Herz und ich waren ein eingespieltes Team, es bestand kein Grund zur Panik – keinem war die Anstrengung anzumerken. Außer mir. Ich fühlte mich erschöpft, auch wenn ich das nie offen zugegeben hätte. Dabei mochte ich gar nicht laufen. Ich tat nur, was ich musste, denn schließlich ging es um mein Glück.
‚Man muss wissen, worauf es im Leben ankommt.’
Ein geflügelter Satz in unserer Familie.
„Warum läufst du so schnell?“
Ich zuckte zusammen. Hörte ich jetzt auch noch Stimmen? Selbstgespräche waren mir längst zur Gewohnheit geworden. Egal, eine Frage verdiente eine Antwort.
„Ich möchte nicht, dass meine Vergangenheit mich einholt. Sie trägt mir alles nach, was ich nicht haben will, mein Unglück, meine zerbrochenen Träume, mein Versagen.“
Das war ehrlich, weil ich es zugab. Und unehrlich, weil ich verschwieg, dass das schon seit Ewigkeiten so ging. Ich holte keuchend Luft.
„Außerdem möchte ich möglichst bald in der Zukunft ankommen. Dort wartet mein Glück auf mich. Ich spüre, dass ich ihm bereits ganz nahe bin.“
„Und gelingt es dir?“
„Gelingt mir was?“
„Na, das Davonlaufen.“
Ich zögerte nur kurz mit der Antwort.
„Nein. Meine Vergangenheit hat mich nicht nur regelmäßig eingeholt - sie hat mich sogar überholt, um mir aus der Zukunft entgegen zu grinsen. Manchmal dachte ich, ich wäre bloß im Kreis gelaufen.“
„Und, bist du?“
„Nein, nein, so eingefahren war meine Laufbahn dann doch nicht. Die Landschaft veränderte sich ständig. Das spornte mich an. In den Bergen freute ich mich auf abenteuerliche Klettertouren, im Flachland auf nie gekanntes Tempo. Doch jedes Mal, wenn mir meine Vergangenheit in die Quere kam, wärmte sie die alten Geschichten wieder auf und aus war’s mit der Freude.“
Schweigen. Ich hatte nichts anderes erwartet. Was sollte man dazu schon sagen.
„Und das mit der Zukunft, wird das denn klappen?“
Diese Frage hatte ich befürchtet.
„Das weiß ich noch nicht, um ehrlich zu sein.“
Ich atmete seufzend aus. Nach allem, was ich erlebt hatte, setzte ich meine ganze Hoffnung auf das, was vor mir lag. Meine Anstrengungen mussten doch endlich fruchten. Zumal ich in letzter Zeit gelernt hatte, noch einen Zahn zuzulegen.
„Kann etwas, das so nahe scheint, so schwer zu erreichen sein?“
Diesmal überraschte mich meine eigene Stimme. Sie klang nicht nach mir. Außerdem hatte ich damals längst aufgehört dämliche Fragen zu stellen.
„Wäre es möglich, dass du bisher etwas übersehen hast? Das Wichtigste überhaupt?“
Er hatte mich voll erwischt. Stocherte wie wild in meinem wundesten Punkt herum. Sich mit meiner größten Angst zu verbünden, ging zu weit.
„Was soll ich übersehen haben?“
Ich versuchte gleichgültig zu klingen.
„Du hast übersehen, dass Vergangenes und Zukünftiges völlig belanglos sind für dich und...“
„Mein Glück und mein Unglück sollen für mich keine Bedeutung haben?“, unterbrach ich ihn. Das war schlichtweg dumm. Ich hatte nichts übersehen, nichts unversucht gelassen. Ich schnaubte verächtlich und behielt mein Tempo bei. Ich war so erleichtert, dass ich beinahe den nächsten Satz überhörte.
„Dein Glück ist nicht belanglos. Im Gegenteil - es gibt nichts Wichtigeres für dich. Genau deshalb solltest du dich nicht um Vergangenheit und Zukunft kümmern. Dort ist das, was du suchst, nicht zu finden.“
Abrupt blieb ich stehen. Ich hielt die Luft an, unfähig, auch nur einen Schritt weiterzulaufen. Der Wind strich verspielt durch die Blätter der Birke, an der ich mich abstütze. Ich konnte echt nicht mehr. Mein Team ließ mich im Stich.
„Warum laufe ich dann noch?“
Meine Stimme war nur ein heiseres Flüstern.
„Das habe ich dich vorhin schon gefragt.“, ertönte es von weit her. Suchend schaute ich mich um.
„Ich bin der, der weiß, wo dein Glück wohnt.“, wurde meine unausgesprochene Frage prompt beantwortet. Jetzt klang er wieder ganz nah. Er nervte mich.
„Der, bei dem es wohnt, um genau zu sein.“
Ich unterstellte ihm zähneknirschend, dass er lächelte.
„Du lügst, was kannst du über mein Glück wissen?! Wo ich ihm selbst schon ewig hinterherlaufe und nicht einen Zipfel davon erhaschen konnte.“
Mit suchendem Blick drehte ich mich um die eigene Achse. Ich meinte, ein leises Lachen zu hören.
„Jetzt reicht es aber! Wie kannst du es wagen, über mich zu lachen! Habe ich mich nicht stets bemüht, in die richtige Richtung zu laufen? Habe ich nicht durchgehalten trotz aller Rückschläge? Bin ich nicht weitergekommen als viele, die ich kenne? Und da wagst du es, mich auszulachen?“
„Ich habe gar nicht über dich gelacht. Ich habe nur das Glück winken gesehen und das wirkte so drollig, dass ich lachen musste. Es hat dir gewunken.“
„Das Glück sagst du? Wessen Glück?“
Ich war völlig verwirrt und kurz davor aus der Haut zu fahren.
„Na, deins natürlich. Es ist seit Ewigkeiten bei mir und wartet auf dich.“
„Wartet auf mich?“
„Du sagst es.“
„Warum ist es mir dann immer entwischt, wenn ich ihm nachgelaufen bin?“
„Weil du ihm nachgelaufen bist.“
Jetzt war ich sprachlos. Ich musste mich hinsetzen.
„Schön, dass du endlich mal sitzt,“ kommentierte mein Quälgeist lakonisch. Die Blätter säuselten, als würden sie sich prächtig amüsieren. Ich fühlte mich ausgeschlossen. Meine Beine schmerzten, mein Herz raste, mein Team machte schlapp. Ich ließ mich bäuchlings auf den Waldboden gleiten und schloss die Augen. Schwer war ich, tonnenschwer.
„Und wo ist mein Glück jetzt?“
Anstelle einer Antwort fühlte ich mit einem Mal deutlich, wie der warme Wind sanft über mich hinweg strich, während vereinzelte Sonnenstrahlen meine Wange kitzelten. Ich spürte meine müden Muskeln, mein klopfendes Herz, meinen aufgeregten Atem. Ich war todmüde, aber glücklich, einfach nur so dazuliegen.
Glücklich? Fast hatte ich das Wichtigste vergessen. Ich fuhr hoch und suchte mit meinen Blicken die Umgebung ab. Aufseufzend ließ ich meinen Kopf auf meine Arme sinken und nur, um meine Ahnung bestätigt zu kriegen, fragte ich:
„Und wer bist du?“
Als Antwort stand er plötzlich vor mir. Mit einer Hand half er mir aufzustehen, mit der anderen hielt er mir etwas entgegen. Eine Perlenkette aus Zeit. Und da erkannte ich ihn, den Augenblick, jenen einzigen Moment, der mir wirklich gehört, mir und meinem unfassbaren Glück. Feierlich nahm ich meine vor Ewigkeiten begonnene Kette in Empfang, mein von mir selbst geerbtes Leben.
Ich kann es drehen und wenden wie ich will, im Augenblick erscheint es mir vollkommen.
Von mir vor 25 Jahren verfasst, aber immer noch aktuell...
EnglishMy Journey Through Life and Other Inconsistencies
I am female, of course. I prefer to keep trivial details—like my name—to myself.
I had been running through life for as long as I could remember. That day was no exception. My lungs, my muscles, my heart, and I were a well-oiled machine; there was no cause for panic—none of them showed any sign of the strain. Except for me. I felt exhausted, though I would never have openly admitted it. And yet, I didn’t even like running. I did it only because I had to; after all, my happiness was at stake.
"You have to know what really matters in life."
A family catchphrase.
"Why are you running so fast?"
I flinched. Was I hearing voices now? Talking to myself had long since become a habit. No matter; a question deserved an answer.
"I don’t want my past to catch up with me. It dogs my steps with everything I don’t want—my unhappiness, my shattered dreams, my failures."
That was honest, because I admitted it. And dishonest, because I withheld the fact that this had been going on for ages. I gasped for breath.
"Besides, I want to reach the future as soon as possible. That’s where my happiness is waiting for me. I can feel that I’m already very close to it."
"And are you succeeding?"
"Succeeding at what?"
"Well, running away."
I hesitated only briefly before answering.
"No. My past hasn’t just caught up with me regularly—it’s actually overtaken me, just to grin back at me from the future. Sometimes I thought I’d merely been running in circles."
"And have you?" “No, no, my path wasn’t quite that set in stone. The landscape kept changing. That spurred me on. In the mountains, I looked forward to adventurous climbs; on the flats, to speeds I’d never known before. But whenever my past got in the way, it would dredge up old stories, and the joy would vanish.”
Silence. I hadn’t expected anything else. What was there to say?
“And the future—will that actually work out?”
That was the question I’d been dreading.
“To be honest, I don’t know yet.”
I let out a sigh. After everything I’d been through, I was pinning all my hopes on what lay ahead. Surely, my efforts had to pay off eventually—especially since I’d learned to kick things up a notch lately.
“Can something that seems so close really be so hard to reach?”
This time, my own voice surprised me. It didn’t sound like me. Besides, I’d long since stopped asking stupid questions.
“Is it possible you’ve overlooked something? The most important thing of all?”
He’d hit a nerve. He was probing wildly at my sorest spot. Siding with my greatest fear was going too far.
“What could I have overlooked?”
I tried to sound indifferent.
“You overlooked the fact that the past and the future are completely irrelevant to you, and...”
“My happiness and unhappiness are supposed to mean nothing to me?” I interrupted. That was just plain stupid. I hadn’t overlooked anything; I hadn’t left a single stone unturned. I snorted contemptuously and maintained my pace. I was so relieved that I almost missed the next sentence. “Your happiness isn’t trivial. Quite the opposite—there is nothing more important for you. That is precisely why you shouldn’t concern yourself with the past or the future. What you’re looking for isn’t to be found there.”
I stopped abruptly. I held my breath, unable to take another step. The wind played through the leaves of the birch tree I was leaning against. I really couldn’t go on. My team had let me down.
“Then why am I still running?”
My voice was nothing but a hoarse whisper.
“I asked you that earlier,” came the voice from far away. I looked around, searching.
“I am the one who knows where your happiness lives,” came the prompt answer to my unspoken question. Now he sounded very close again. He was getting on my nerves.
“The one with whom it lives, to be precise.”
I gritted my teeth, convinced he was smiling.
“You’re lying—what could you possibly know about my happiness? I’ve been chasing after it forever myself and haven’t managed to catch even a glimpse of it.”
I spun around, scanning the area. I thought I heard a soft laugh.
“That’s enough! How dare you laugh at me! Haven’t I always tried to run in the right direction? Haven’t I persevered despite all the setbacks? Haven’t I made more progress than many people I know? And yet you dare to laugh at me?”
“I wasn’t laughing at you. I just saw Happiness waving, and it looked so comical that I had to laugh. It was waving at you.”
“Happiness, you say? Whose happiness?” I was completely confused and on the verge of losing my temper.
“Well, yours, of course. It’s been with me for ages, waiting for you.”
“Waiting for me?”
“Exactly.”
“Then why did it always slip away whenever I chased after it?”
“Because you chased after it.”
Now I was speechless. I had to sit down.
“It’s nice to see you finally sitting down,” my tormentor remarked laconically. The leaves rustled as if they were having a great time. I felt left out. My legs ached, my heart raced, and my body was giving out. I let myself slide onto the forest floor, lying on my stomach, and closed my eyes. I felt heavy—weighed down by tons.
“And where is my happiness now?”
Instead of an answer, I suddenly felt the warm wind brush gently over me, while scattered rays of sunlight tickled my cheek. I felt my tired muscles, my pounding heart, my agitated breathing. I was dead tired, yet happy just lying there.
Happy? I had almost forgotten the most important thing. I started up and scanned my surroundings. Sighing, I let my head sink onto my arms, and—just to have my hunch confirmed—I asked:
“And who are you?”
In response, he was suddenly standing before me. With one hand, he helped me up; with the other, he held something out to me. A string of pearls made of time. And then I recognized him: the now-moment—the only moment that truly belonged to me, to me and my unfathomable happiness. Solemnly, I accepted the necklace I had begun ages ago—the life I had inherited from myself.
No matter how I turn it over in my mind, in this moment, it seems perfect to me.
Written by me 25 years ago, but still relevant...